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Am 4. März 1945 fielen Bomben auf Zürich

Die Bombardierung Zürichs durch US-Geschwader jährt sich heute. Insgesamt forderten von 1940 bis 1945 Bomben der Alliierten 84 Todesopfer in der Schweiz. Die Mär von der Vorsätzlichkeit des britischen und amerikanischen Handelns hat sich bis heute erhalten. Inzwischen ist aber völlig klar, dass die Bombardements auf Irrtümern beruhten und kein Denkzettel für die damalige Wirtschaftspolitik waren. Die alliierte strategische Bomberoffensive gegen Nazideutschland wurde in den letzten Monaten und Wochen prominent in den deutsch- und englischsprachigen Medien behandelt. Der verheerende Luftkrieg der Alliierten wurde zum Gegenstand leidenschaftlicher Debatten unter Historikern sowie in der breiten Öffentlichkeit, wie jüngst beim Jahrestag der Bombardierung Dresdens. Bomben der Alliierten schlugen auch in Zürich ein. Die heftigste Bombardierung erfolgte am 4. März 1945 durch sechs amerikanische Liberator-Bomber. Als an jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen in Zürich um 9.32 Uhr Fliegeralarm ertönte, glaubte wohl niemand an einen wirklichen Angriff, da seit Ausbruch des Krieges die Sirenen bereits 400-mal geheult hatten. Doch die sechs Bomber des 392. Bombergeschwaders, die von Winterthur kommend Richtung Zürich flogen, warfen um 10.19 Uhr Bomben auf das Gebiet der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof. Zwei Häuser wurden vollständig zerstört, an über 50 weiteren entstand zum Teil beträchtlicher Sachschaden. Die Bomben forderten 5 Menschenleben und 15 Verletzte. Den Amerikanern war, wie auch bei der Bombardierung Schaffhausens 1944, das schlechte Wetter zum Verhängnis geworden. An diesem 4. März hätten über 1000 Bomber Ziele in Süddeutschland bombardieren sollen. Wegen einer dichten Wolkendecke und Nebel kehrten die meisten Staffeln zu ihren Basen zurück, ohne ihre Ziele gefunden zu haben. Die Besatzungen einiger versprengter Flugzeuge versuchten aber, Ausweichziele zu finden. Die unerfahrenen Mannschaften verwechselten wegen schlechter Verhältnisse und des Ausfalls von Radargeräten Zürich mit dem deutschen Ziel Pforzheim und warfen irrtümlicherweise ihre Bomben ab, die in der Nähe der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof einschlugen. Nach dem Angriff verbreitete sich in Zürich das Gerücht, die Bomben hätten einer Propagandazentrale der Nazis gegolten. Gestützt wurde diese Behauptung durch den Fund einer Hakenkreuzfahne auf dem Trümmerfeld. Erst später stellte sich heraus, dass die Angehörige einer Familie, die in dem zerstörten Haus gewohnt hatte, die Fahne aus Deutschland mitgebracht hatte, weil sie «so gute Textilien» nicht wegwerfen mochte. Die betroffenen amerikanischen Piloten und Navigatoren wurden nach dem Angriff in England vor ein Kriegsgericht gestellt, wo ihnen grobe Fahrlässigkeiten beim Bombardieren einer neutralen Nation vorgeworfen wurde. Nach zweitägigen Verhandlungen wurden die Besatzungen jedoch freigesprochen; sie hätten zwar fahrlässig gehandelt, für eine Bestrafung reiche jedoch das vorhandene Beweismaterial nicht aus, urteilte die Untersuchungskommission. Die beiden Bombardierungen Zürichs durch britische Geschwader hatten schon früher Anlass zu Spekulationen gegeben. Am 23. Dezember 1940 waren Bomben auf den Eisenbahnviadukt an der Josefstrasse gefallen, wobei eine Person ums Leben kam und etliche verletzt wurden. Daneben wurde auch die Zahnradfabrik Maag von über 50 Brandbomben getroffen. Sofort verbreiteten sich Gerüchte: Lieferte nicht die Maag-Fabrik sensitives Rüstungsmaterial nach Deutschland, und wurden nicht die für Italien wichtigen Kohlentransporte aus Deutschland über dieses Eisenbahnnetz abgewickelt? Aufzeichnungen aus Londoner Archiven belegen, dass es sich auch bei diesem Angriff um einen tragischen Irrtum handelte. In besagter Nacht waren 29 Wellington-Bomber ausgeschickt worden, um die Motorenwerke in Mannheim zu bombardieren. Schlechtes Wetter zwang einen Teil der Flieger, Ausweichziele zu suchen. Dass dabei ein Bomber südlich vom Kurs abkam und offensichtlich in Zürich ein geeignetes Ausweichziel sah, belegen auch Mitteilungen der schweizerischen Flugfunkstellen. Die zweite Bombardierung durch britische Flieger ereignete sich in der Nacht auf den 18. Mai 1943. Wiederum löste die Lage der Einschläge ein starkes Echo aus, befanden sich diese doch in der Nähe Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon und entlang der Bahnlinie Seebach-Affoltern-Wettingen. Galten die Bomben etwa dem Bührle-Konzern? Standen diese Abwürfe im Zusammenhang mit den gesteigerten Exporten nach Deutschland? Sowohl die breite Öffentlichkeit wie auch die bisher vorhandene Literatur in der Schweiz schlossen diese «Warnschusstheorie» zumindest nicht aus. Erneut vermögen uns britische Quellen Aufschluss darüber zu geben: In der Nacht auf den 18. Mai 1943 hoben drei leichte Bomber des Typs Mosquito von ihrem Stützpunkt in Ostengland ab, um einen Scheinangriff auf München zu fliegen. Während zwei Besatzungen angaben, Bomben auf München abgeworfen zu haben, konnte die dritte Crew das Primärziel nicht ausmachen. So wurde auf dem Rückflug Strassburg, ein oft angeflogenes Ausweichziel, bombardiert. Da in besagter Nacht jedoch keine Bomben in Strassburg detonierten, liegt die Annahme nahe, dass auch hierbei das verdunkelte Zürich mit dem Sekundärziel im besetzten Frankreich verwechselt worden war. Da sich Zürich ausserhalb der Reichweite der Funkleitstrahlen befand, die die genaue Navigation zu Zielen in Deutschland erst ermöglichten, wäre ein nächtlicher Präzisionsangriff einer einzigen Maschine ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Insgesamt kam die Schweiz während des Luftkrieges über Europa trotz 84 Todesopfern und diversen Sachschäden verhältnismässig glimpflich davon. Mit den damaligen, nach heutigem Standard primitiven Navigationsmitteln war eine korrekte Navigation und Zielfindung bei schlechtem Wetter durch die oft unerfahrenen Besatzungen kaum möglich. Eine Absicht kann den Alliierten aus heutiger Sicht nicht mehr unterstellt werden. Die beteiligten Besatzungen handelten aber in höchstem Masse grobfahrlässig. Klammert man die absichtlichen Überflüge der Royal Air Force zu ihren Zielen in Norditalien und Süddeutschland aus, lassen sich Bombardierungen der Schweiz im Zweiten Weltkrieg am treffendsten unter dem in jüngster Vergangenheit strapazierten Begriff «Kollateralschaden» zusammenfassen.

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